27. Jul

Chinas Börsenkurse geraten erneut ins Rutschen

Börse Shanghai

Börse Shanghai

Regierungseingriffe zur Stützung des Marktes nutzen sich ab

Peking. Nach einer ruhigeren Woche geht es am chinesischen Aktienmarkt wieder stürmisch zu. Am Montag fiel der führende Index Shanghai Composite um beachtliche 8,5 Prozent. „Die Sorgen um China sind zurück“, kommentieren Analysten des Bankhauses Barclays Capital. Die Verluste hätten noch höher ausgefallen können. Die chinesische Börse hat jedoch automatische Stoppmechanismen eingebaut, die allzu steile Stürze abfangen.

 

Am Montag hat sich die Skepsis über die hohen Bewertungen dennoch gegen Versuche der Regierung durchgesetzt, den Markt zu stützen. Für die kommunistische Regierung in Peking geht es nun auch darum, das Gesicht zu wahren: Sie hat eine Weiterentwicklung des Aktienmarkts zu einem wichtigen Finanzierungsinstrument für die Wirtschaft angekündigt und will nun auch liefern. Zugleich soll die Börse als Anlagemöglichkeit für die hohen Ersparnisse der Chinesen einen besseren Ruf erhalten. Die Finanzaufsicht hat die Kurse daher Anfang des Monats durch allerlei Tricks wieder hochgetrieben, nachdem sie erstmals abgestürzt waren.

 

Die Regierung war es auch gewesen, die im vergangenen Jahr eine Rally ausgelöst hat, indem die Staatsführung das Volk zu Investitionen am Markt ermutigt hat. Die Anleger sind der Aufforderung begeistert gefolgt. Die Kurse waren in den 12 Monaten bis Juni um 140 Prozent gestiegen. Seitdem sind die Bewertungen jedoch wieder um 30 Prozent gefallen: Nach dem heftigen Anstieg wollte eine Mehrheit der Investoren nun Gewinne mitnehmen. Zudem stieg das Misstrauen gegenüber einem Markt, der ausgerechnet in Zeiten mäßiger Firmengewinne durch die Decke geht.

 

Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis an der Börse Shanghai stand im Juni bei 40. Dieser Wert gibt das Verhältnis der Börsenbewertungen zur Profitabilität der Unternehmens an. Im deutschen Aktienindex Dax liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis derzeit bei 22, die Aktien sind dieser Kennzahl zufolge also nur halb so teuer.

 

Am Montagvormittag gab es in dieser angespannten Lage kein Halten mehr, nachdem der Index die Marke von 4000 Punkten gestreift hat. Viele Anleger hatten diese runde Summe als Grenze für automatische Verlustbegrenzungen in ihrem Online-Depot eingestellt. Die Börsencomputer mussten innerhalb von Minuten eine Flut von Verkaufsaufträgen bewältigen.

 

Viele Anleger werden vom Funktionieren des Systems enttäuscht sein, denn auch ihre sogenannten Stop-Loss-Orders konnten nur der Reihe nach abgearbeitet werden – mangels Käufern erfolgten die meisten Transaktion bereits im Bereich von 3800 oder 3700 Zählern. Am Abend stand der Shanghai Composite bei 3726 Punkten. So heftig war der chinesische Aktienmarkt seit dem Platzen einer Blase im Jahr 2007 nicht mehr zurückgegangen.

 

Analysten erwarten nun gespannt die Reaktion der Regierung am Dienstag. Es hatte bereits viel Kraft und Überzeugungsarbeit gekostet, den Markt nach dem Tief Anfang Juli wieder aufzupolstern. Mehr als 20 Anlagefirmen hatten sich zähneknirschend bereit erklärt, Hunderte von Milliarden Yuan in den Markt zu schießen. Die Privatanleger nehmen nun jedoch ungerührt die Gewinne mit, die dadurch möglich werden. Dieser Transfer von staatlich kontrollierten Institutionen in private Kassen wird sich nicht lange aufrechterhalten lassen.

 

Ein wahrscheinliches Szenario ist nun die Stabilisierung auf einem deutlich niedrigeren Niveau, auch wenn zahlreiche Anleger, die Mitte des Jahres eingestiegen sind, enttäuscht sein werden. Beobachter erwarten gleichwohl kaum Gefahren für die Konjunktur oder gar die Weltwirtschaft. „Der chinesische Aktienmarkt weist nur eine begrenzte Verschränkung mit der Realwirtschaft auf“, sagt Ökonom Brian Jackson von dem Forschungshaus IHS.

 

Gerade amerikanische Kommentatoren hatten zuletzt die Befürchtung geäußert, dass China mit dem Ende des Aktienbooms in eine tiefe Rezession fällt. In den USA wäre eine solche Verbindung in der Tat wahrscheinlich: Der Löwenanteil der Ersparnisse ist an der Börse investiert. Zugleich ist der Markt der wichtigste Finanzierungsweg für die Unternehmen.

 

China will sich diesem Zustand zwar annähern, ist aber noch weit davon entfernt. Für die Unternehmensfinanzierung sind Bankkredite, direkte Beteiligungen oder Anleihen entscheidend. Ein Großteil der Wirtschaft befindet sich überhaupt noch in Staatshand und kann im Ernstfall auf Kapital von der Regierung hoffen. Börsengewinne machen zudem nur einen sehr kleinen Teil der Firmenprofite aus. Die meisten Anleger sind Privatleute.

 

Auch die individuellen Investoren stehen nun jedoch nicht vor dem Ruin. Nur in neun Prozent der Haushalte hat jemand ein Depot, während es in den USA 60 Prozent sind. Schätzungen von IHS zufolge befinden sich maximal sechs Prozent der chinesischen Ersparnisse in Aktien. Die Turbulenzen dürften die Verbraucher daher kaum in Verzweiflung stürzen.

 

Dennoch ist die wirtschaftliche Lage in China schwierig. Das Wachstumsmodell des Landes befindet sich grundsätzlich im Übergang – die alte Staatswirtschaft hat ausgedient. Bis vor wenigen Jahren waren es Investitionen in immer größere Stahlwerke, die das Wachstum getrieben haben. Nun ächzt die Industrie unter Überkapazitäten. Nach 30 Jahren des Booms scheint nun die Zeit gekommen zu sein, langsamer zu treten. Diese Entwicklung ist viel realer als die Instabilität der Börse.

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