16. Aug

In Tianjin droht eine Giftkatastrophe

Blausäure gelangt in die Umwelt – Katastrophe gilt nun als Behördenfehler: Vorschriften wurden missachtet

Peking. In der chinesischen Großstadt Tianjin wächst die Angst vor gefährlichen Chemikalien, die sich bei einer gewaltigen Explosion am vergangenen Mittwoch über ein ganzes Stadtviertel gelegt haben. Wie am Wochenende klar wurde, lagerten in der detonierten Halle große Mengen von Blausäureverbindungen, die schon in kleinen Mengen giftig sind. Auf dem Gelände am Hafen schwelen auch am vierten Tag nach der Katastrophe noch Brände.

 

Die Einsatzkräfte vor Ort tragen Gasmasken, darunter Polizisten, die die Absperrung der Katastrophenzone in drei Kilometern Entfernung vom Explosionszentrum bewachen. Die Armee hat Experten für Chemiewaffen nach Tianjin geschickt. Bewohner der 10-Millionen-Metropole klagten über Gestank und über gereizte Augen. Zahlreiche Feuerwehrleute mussten ihren Einsatz angeblich abbrechen, weil sie nichts mehr sehen konnten.

 

Mehrere internationale Firmen verfügen über Einrichtungen in unmittelbarer Nähe von „Ground Zero“ der Explosion, darunter die BLG Logistics Group aus Bremen oder der japanische Autokonzern Toyota. Volkswagen betreibt in einer anderen Gegend von Tianjin einen Produktionsstandort. Der Hafen ist ein wichtiger Umschlagplatz von Zulieferteilen für die Industrie im Großraum Peking und die angrenzende Provinz Hebei.

 

In den Trümmern fanden Feuerwehr und Armee bis Sonntagmittag 112 Leichen, darunter zahlreiche Kollegen, die Opfer der ersten großen Explosion geworden sind. Knapp 100 Personen werden noch vermisste. Dafür konnten die Helfer am Wochenende zwei Überlebende überraschend aus Frachtcontainern bergen, der ihnen in der Nähe des Zentrums der Explosion Schutz geboten hatten. Die Feuerwehr befindet sich nun in einem Zwiespalt: Sie müsste die verbliebenden Brandnester eigentlich mit großen Mengen Chemiepulver löschen, fürchtet jedoch, damit weiteren Überlebenden in den Trümmern zu schaden.

 

Einem Bericht in der „Neuen Pekinger Zeitung“ zufolge befanden sich in dem explodierten Lagerhaus 700 Tonnen der Substanz Natriumcyanid, die hochgiftig ist und ist und die Umwelt stark belastet. Diese Blausäureverbindung blockiert bei Mensch und Tier die Zellatmung. Sie verbindet sich mit Wasser zu noch gefährlicheren Stoffen. Schlimmer noch: Nachdem die gigantische Explosion es in die Luft geschleudert hat, kann es nun großräumig vom Himmel herabregnen. Natriumcyanid kann durch die Haut in den Körper eindringen. Bei Kontakt mit Säure entsteht Giftgas.

 

Peking hat den Artikel der „Neuen Pekinger Zeitung“ im Netz unterdrücken lassen und die Zensur generell verschärft. Die Regierung kündigte jedoch angesichts der Mega-Katastrophe eine Verschärfung der Gesetze zum Umgang mit Chemikalien an. Die Arbeitssicherheit und der Umgang mit Risiken müssten „auf breiter Front“ verbessert werden, sagte Staatschef Xi Jinping am Samstag.

 

Tatsächlich stellt sich das Unglück derzeit als Kette von Behördenfehlern dar. Die Kommission für Arbeitssicherheit des Staatsrats verfolgte die Ursachen vor allem auf nachlässige Umsetzung bestehender Sicherheitsvorschriften zurück. „Irreguläre Vorgehensweisen in der Arbeitspraxis“ seien mehr die Regel als die Ausnahme gewesen.

 

Auch die Feuerwehr selbst könnte zu der Explosion beigetragen haben – wenn auch unwissentlich. Sie hat versucht, einen kleineren Brand in dem Chemielager am Mittwochabend mit Wasser zu löschen – und dabei offenbar nicht darauf geachtet, was die Firmen dort gelagert haben und was da brannte. Eine Reihe der Chemikalien, darunter das Natriumcyanid, dürfte mit Wasser heftig reagiert haben. Dabei entstanden weitere giftige und entzündliche Verbindungen. Das würde erklären, warum die ganz große Explosion sich erst ereignete, als die Feuerwehr bereits mit mehreren Wagen vor Ort war. Nachdem die Natur des Brandes klar wurde, hat die Feuerwehr mit Sand weitergelöscht.

 

Angesichts der schlechten Dokumentation des Inhalts der Lagerhallen macht jedoch niemand der Feuerwehr einen Vorwurf, zumal die Einsatzkräfte in dem Flammeninferno von Anfang an mutig und entschlossen gehandelt haben. Am Pranger steht statt dessen die Hafenaufsicht, die die Lagerung von gefährlichen und entzündlichen Substanzen in der Binhai-Sonderwirtschaftszone erlaubt hat – einem Gebiet mit Mischnuztung aus Industrie, Logistik, Büros und Wohnen. Direkt an das Warenlanger schließen sich Mietshäuser an, die jetzt evakuiert sind. Offenbar fehlte den Verantwortlichen jedes Gefahrenbewusstsein.

 

An dem Unglück sind keine Gesetzeslücken schuld, sondern Schluderei und vermutlich Bestechlichkeit der Aufsichtsbehörden. Angehörige von getöteten und verletzten Feuerwehrleuten stürmten eine Pressekonferenz, um auf die hohen Opferzahlen durch die Schlamperei aufmerksam zu machen. Sie beklagten auch, dass die Feuerwehr nicht ausreichend für Chemieunfälle ausgebildet und ausgerüstet sei.

 

Augenzeugen verglichen die Detonation am Mittwoch mit der Explosion einer Atombombe. Ein von innen leuchtender Ball aus Flammen entwickelte sich zu einer pilzförmigen Rauchwolke. Die Druckwelle zerstörte weiträumig Fensterscheiben und riss Menschen um. Der Knall war noch in einem Dutzend Kilometern Entfernung zu hören. Zurück blieb ein tiefer Krater. Die Explosion ereignete sich auf dem Gelände eines Lagerhauses der Firma Tianjin Dongjiang Port Ruihai International Logistics, die Chemikalien wie Natriumcyanid oder Toluoldiisocyanat verschifft.

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