27. Mai

„Die Erinnerung an Hiroshima darf nicht verblassen“

Obama spricht in Hiroshima

Obama spricht in Hiroshima


Obama besucht als erste US-Präsident den Ort des ersten Atombombenabwurfs – und fordert eine kernwaffenfreie Welt. Kritiker werfen ihm Scheinheiligkeit vor: Seine Friedensbotschaft fällt in eine Zeit rapider Aufrüstung.

Hiroshima. Einige wenige Bewohner der Friedensstadt lehnen Obamas Besuch ganz entschieden ab. Rechtsradikale, die sich selbst die „Aufrichtigen Untertanen des Kaisers“ nennen, kurven in einem komplett schwarz lackierten Reisebus in der Nähe der Atombombengedenkstätte durch Hiroshima. An den Seiten des Gefährts prangen riseige japanischen Fahnen.

Während US-Präsident Barack Obama am Freitagnachmittag auf dem Weg zu seinem Termin mit der Geschichte ist, beschallen die Rechten die Parallelstraßen aus ihren Lautsprechern mit markigen Sprüchen. „Die USA haben in Japan einen Genozid verübt, als sie 1945 die erste Atombombe in dieser Stadt abgeworfen haben.“ Der Besuch eines amerikanischen Präsidenten „verhöhnt unser Volk und unsere Götter.“ Dann mokieren sie sich über die Hautfarbe des Präsidenten.

 

Die aufrichtigen Untertanen sind mit ihrer extremen Position jedoch eine Minderheit. Entlang des Friedens-Boulevards in Hiroshima haben sich schon am Freitagvormittag Zehntausende von Bürger der Stadt gesammelt, die einen Blick auf Obama erhaschen wollen. Die meisten sind begeistert, dass sich endlich ein US-Präsident in ihrer Stadt blicken lässt. Wer hier wohnt, für den ist die atomare Gefahr nicht allein eine unheimliche Vorstellung, sondern geschichtliche Realität.

 

Gespannte Stille senkt sich über die Szene, als Obama aus seiner schwarzen Limousine steigt. Er geht wenige Schritte bis zum Gedenkstein für die Opfer der Waffe und legt einen Kranz ab. Hinter dem Stein brennt eine heilige Flamme, die erst erlöschen soll, wenn die Welt wieder frei von Atombomben ist.

 

In einer kurzen Ansprache findet der Friedensnobelpreisträger die angemessenen Worte für den Anlass. Das finden jedenfalls viele seiner Zuhörer, wie aus der Menge zu hören ist. „Wir stehen hier in der Mitte dieser Stadt und versetzen uns in die Menschen von damals. Wir zwingen uns, das Grauen der Kinder nachzuempfinden, die nicht verstanden, was sie sahen“ – als die Bombe explodierte. „Die hier starben, waren wie wir.“

 

Das Wunder der Wissenschaft solle dazu dienen, Leben zu erhalten, nicht auszulöschen, sagte Obama. Hier zeige sich der innere Widerspruch der Zivilisation: Gier und Nationalismus führten dazu, dass segensreiche Technik zum Instrument des Todes werde.

 

Obama forderte dazu auf, stattdessen über Religionen und Staaten hinauszudenken und die Menschheit als eine Familie zu begreifen. Das trifft den Nerv der Bewohner einer Stadt, die sich mit großem Rückhalt dem Frieden und der Abrüstung verschrieben hat.  „Eine Mahnung zur Umkehr“, sieht Obama in den Ereignissen vor 71 Jahren. Die Lehre dürfe nicht in Vergessenheit geraten. Er fordert neue Anstrengungen für eine atomwaffenfreie Welt – auch wenn es sie zu seinen Lebzeiten vermutlich nicht mehr geben werde.

 

Obamas Besuch hat historisches Format. Noch keiner der amerikanischen Nachkriegspräsidenten hat es für nötig befunden, den Ort zu besuchen, an dem ihr Vorgänger Harry Truman die erste Bombe einsetzen ließ. Truman führte seinerzeit an, den Krieg möglichst schnell beenden zu wollen. Obama akzeptiert nun in offizieller Funktion, dass es auch eine andere Dimension des Kernwaffeneinsatzes gibt: Das Leid, das die Bombe ganz unabhängig von Kriegsschuld und strategischen Fragen ausgelöst hat. „An einem hellen, wolkenlosen Morgen, fiel hier der Tod vom Himmel.“ Die Bombe habe unbeschreibliches Leid und Schrecken verbreitet.

 

Neben Obama steht dabei ein weiterer Spitzenpolitiker: Shinzo Abe, der konservative Premier Japans. Er ist der Gewinner dieses Besuchs. Während Obama ein innenpolitisches Risiko eingeht, stärkt der Auftritt an der Seite des US-Präsidenten das Profil des japanischen Regierungschefs.

 

Obamas Besuch in Hiroshima erfolgte jedoch nicht, um dem Drängen Abes nachzugeben, sondern er war ein ehrlicher Wunsch des US-Präsidenten, der bis Freitagmittag zusammen mit Kanzlerin Angela Merkel am G7-Gipfel teilgenommen hat. Er sich in beiden Amtszeiten für atomare Abrüstung stark gemacht. Da er ohnehin nicht zur Wiederwahl steht, kann er sich große Gesten leisten, die innenpolitisch nicht unbedingt populär sind.

 

In den USA herrscht das offizielle Geschichtsbild vor, dass die Kernwaffe das angemessene, notwendige Mittel gewesen sei, um den Krieg zügig zu beenden. Sie habe damit Hunderttausende Leben gerettet. Tatsächlich wäre ein Kampf Mann gegen Mann, Haus um Haus unvermeidlich gewesen, wenn der Kaiser nicht offiziell kapituliert hätte: Japan war völlig fanatisiert, die Bevölkerung hielt ein Aufgeben für ehrlos.

 

Eine Reihe von Historikern weist zwar darauf hin, dass das völlig erschöpfte Land bereits zu einem Friedensschluss bereit gewesen sei, und sich die Macht der Bombe auch anders hätte demonstrieren lassen als über einer Stadt. Doch das ist eine Außenseiterposition. Eine Mehrheit ist davon überzeugt, dass ihr Land mit den richtigen Mitteln für die richtige Sache gekämpft hat.

 

Der Auftritt geht vielen Amerikanern also gegen den Strich, doch für Obama lohnt er sich trotzdem. Er nützt mehreren seiner Vorhaben. Die Fernsehbilder aus Hiroshima sollen beweisen, dass er die Abrüstungsversprechen aus den frühen Tagen seiner Präsidentschaft nicht vergessen hat. Obama trägt zwar den Friedensnobelpreis, doch er konnte bisher nicht allzu viel bieten, um ihn zu rechtfertigen. Der Besuch in Hiroshima ist eine Möglichkeit, trotzdem Erinnerungen zu schaffen, die für die Geschichtsbücher taugen.

 

In der Realität haben die USA zwar bereits Hunderte von Atombomben entsorgt, besitzen aber immer noch knapp 5000 davon. Auch weltweit ist das Projekt „atomwaffenfreie Welt“ kaum vorangeschritten. Mit Nordkorea ist in der Zwischenzeit sogar ein atomar bewaffneter Staat dazugekommen, ohne dass Obama etwas dagegen tun konnte. Auf dem Weg nach Japan hat er ein Waffenembargo gegen Vietnam aufgehoben, um das kleinere Land gegen China zu stärken.

 

Kritiker werfen Obama nun Widersprüche nun zwischen seinen Worten und Handlungen vor: Er spricht in Hiroshima lyrisch von Tod, Feuer und einer besseren Welt, doch seine Regierung kauft und liefert mehr Waffen als je zuvor. „Der Besuch in Hiroshima ist der Gipfel der Scheinheiligkeit“, kommentiert des einflussreiche konservative Magazin „National Review“. Obama sei als Oberbefehlshaber genauso an Zwänge gebunden wie seinerzeit Truman. Der Auftritt sei eine billige Farce.

 

Ganz so weit gehen Kommentatoren vor Ort in Japan nicht. Doch sie weisen darauf hin, dass eine Abrüstungsbotschaft allein die Welt nicht unbedingt sicherer macht. „Die guten Absichten des Präsidenten könnten die Sicherheit in der Region schädigen“, meint Peter Tasker, ein Analyst bei dem Forschungshaus Arcus Research in Tokio. Bisher habe gerade die militärische Stärke der USA gewesen die Stabilität und den Frieden sichergestellt. Tasker sieht die Scheinheiligkeit vor allem darin, sich vor allem auf Atombomben zu konzentrieren, wenn viel simplere Waffen derzeit ganz reales Leid anrichten.

 

Wegen der angespannten Lage in Ostasien und weltweit liegt auch Premier Abe nichts daran, dass Obama Ernst macht und die USA auf einen echten Abrüstungskurs bringt. Sein Land braucht die US-Atomstreitmacht als Schutzschirm gegen Nachbarn wie Nordkorea, China und Russland. Auch Abe muss sich Scheinheiligkeit vorwerfen lassen: In Hiroshima lässt er sich als Friedenspremier ablichten, doch er selbst treibt eine Politik der Wiederbewaffnung für Japan voran.

 

Abes Politik verändert das japanische Selbstverständnis von einem pazifistischen Staat zu einem durchsetzungsfähigen Teilnehmer an regionalen Machtspielen. Er hat bereits ein Paket von Sicherheitsgesetzen durch das Parlament gedrückt, die einen vorsorglichen Einsatz der Selbstverteidigungskräfte des Landes erlauben. Damit ist Japans ursprünglich streng friedliche Verfassung eigentlich schon ausgehebelt. Abes Rüstungsanstrengungen kommt gleichwohl auch Obama gelegen. Je mehr Japan fürs Militär ausgibt, desto mehr sparen die USA – schließlich ist Japan der Vorposten Amerikas im Pazifik.

 

Obamas Besuch ist jedoch gerade in einer Zeit, da weltweit immer extremere und aggressiver Politiker hochkommen, keine leere Geste, sondern ein Symbol dafür, dass die USA sich ihrer Verantwortung stellen: Als das einzige Land, das jemals Atombomben im Krieg eingesetzt hat.

 

In der Realität Ostasiens ist jedoch ein neuer Rüstungswettlauf ausgebrochen. Die Ausgaben gehen angesichts steigender Spannungen steil in die Höhe. Unter Abes Freunden in der Liberaldemokratischen Partei wird bereits die Forderung lauter, das eigenen Land angesichts „nie dagewesener“ Bedrohungen atomar aufzurüsten. Und das in Japan, das mit Hiroshima, Nagasaki und Fukushima dreifach atomar verletzt ist.

 

Obama erweist sich derweil in Hiroshima als Utopist. „Wir können unsere Zukunft selbst wählen“, sagt er. Und entwirft eine Welt, die aus den Atomangriffen gelernt hat und „eine moralische Erweckung erlebt“. Schaut da nicht auch Abe neben ihm etwas skeptisch?

 

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